Von Gesundheitswahnsinnigen und Keilsitzkissen

Sehr geehrte Leser,

bei einem Begriff dreht sich bei mir mittlerweile regelmäßig der Magen um: Keilsitzkissen!

Nicht etwa, weil diese Art von schmucken Dekoartikeln nach dem Verzehr schwer im Magen liegen könnte, sondern schlicht und ergreifend, weil sich diese posierlichen Ergonomiespritzen seit geraumer Zeit rasend schnell in deutschen Büroräumen verbreiten. Noch schneller sogar, als die neuesten Kochrezepte aus Brigitte & Co oder die anhaltende Grippewelle. Wobei mir Kochrezepte und Grippe deutlich lieber sind, da ich selbst sehr gerne koche und ich mich an meine letzte Grippeinfektion eh nicht mehr erinnern kann.

Im Büroalltag hat man sich in den letzten Jahren schon an viele Obskuritäten gewöhnt, aber ein Gesprächsthema kann einen Mann durchaus um den Verstand bringen. Nein, nicht etwa Beautytips oder Diskussionen über Schuh- und Handtaschenmode. Nein! Es ist das Thema Gesundheit oder auch Wellness, wie man auf neudeutsch zu sagen pflegt.

Nun gibt es nichts dagegen einzuwenden, wenn sich jemand Gedanken um seine Gesundheit macht, aber müssen diese besagten Gedanken unbedingt jedem mitgeteilt, um nicht sogar zu sagen unter die Nase gerieben werden? Wenn jemand meint, sich ungefragt mitteilen zu wollen, soll diese Person gefälligst einen Blog schreiben. Genau so, wie ich es hier und jetzt auch gerade mache.

Demonstrativ wird da Zwieback liebevoll in eine kleine Schüssel gestückelt, mit ein Wenig Ahornsirup betreufelt und anschließend mit Sojamilch aus dem Reformhaus aufgefüllt und kurz in der Mikrowelle erhitzt. Da wird schwärmerisch davon erzählt, wie angenehm der Besuch in der gemischten Sauna war und wie gut er getan hat. Wunderlich erscheint es mir dann, wenn auf einmal kleine, farbige Steinchen überall auf dem Schreibtisch herumliegen. Nun ja, laut Aussage der gesundheitswahnsinnigen Person sollen diese Steinchen “böse Strahlen auffressen” oder sowas in der Art. Aha…

Aber diese Eskapaden nimmt man noch gerne hin, aber sobald die Arbeitskolleginnen dann kollektiv ihre Keilsitzkissen hervorkramen, wird es gruselig. Da werden dann sündhaft teure Designerbürostühle, die allen Ergonomieanforderungen entsprechen, mit einem Handgriff zu einem Schmuddelobjekt degradiert, in dem die Arbeitskolleginnen einfach ungefragt ihre Keilsitzkissen darauf ablegen. Übrigens schrieb ich jetzt mit voller Absicht Arbeitskolleginnen, da sich dieser Keilsitzkissenvirus scheinbar nur auf Frauen übertragen kann.

Frauen, sonst äußerst stilsicher, was ihre persönliche Garderobe oder die Einrichtung von Eigenheimen angeht, verlieren scheinbar vollkommen jeden Sinn für Ästhetik, sobald sie mit dem Keilsitzkissenvirus infiziert wurden. Die ehemals wunderschönen Bürostühle wirken nach der Keilsitzkissenkur auf einmal wie ein Schnäppchen für 20 Euro vom Büromöbeldiscounter, denn bei der Farb- und Musterwahl der Keilsitzkissen wird natürlich nicht darauf geachtet, ob die Farbe oder das Muster mit dem der Bürostühle und der sonstigen Büroeinrichtung harmoniert. Nein! In meinem Blickfeld befindet sich ein knallrotes, ein giftgrünes und ein lavendelfarbenes Sitzkissen und keine dieser Farben harmoniert auch nur im geringsten mit der Büroausstattung. Stil ade!

Am Anfang dieses Elends war ich noch so naiv zu glauben, daß man diesen Frauen mit simplem Pragmatismus entgegen treten könnte. Mit einem Lächeln auf den Lippen machte ich mich also auf, diesen Frauen zu erläutern, wie einfach sie die ergonomischen Wunderwerke in Form eines Bürostuhls auf ihre persönlichen gesundheitlichen Bedürfnisse einstellen können. Ich fummelte an verschienen Rädchen und Hebeln, justierte die Lordosenstütze, stellte Neigung von Rücken- und Armlehnen ein und demonstrierte auch die Verstellmöglichkeiten der Sitzfläche. Fertig! Mit einem breiten Grinsen schaute ich die Frauen an, deutete auf die Stühle, die nun nahe der ergonomischen Perfektion eingestellt waren und wartete freudig auf ein positives Feedback im Sinne von “Super!”, “Toll!” oder auch nur in Form eines einfachen Dankeschöns. Pustekuchen, nichts dergleichen! Denn die Damen hatten nichts besseres zu tun, als sofort wieder ihre Sitzkissen auf die Stühle zu legen und sich niederzulassen, um kurz darauf festzustellen, daß man ja nun vollkommen ungemütlich auf diesen Stühlen sitzen würde und das ja nicht gut für die Gesundheit sein könnte. Mein Hinweis, daß man die Keilsitzkissen jetzt auch weglassen müsste, weil der Stuhl an sich korrekt eingestellt ist, wurde geflissentlich überhört. Statt dessen wurden die Stühle wieder in ihre ursprüngliche Einstellung zurückgesetzt und die Damen konnten wieder gemütlich auf ihren Keilsitzkissen platznehmen.

Immerhin hatten sie das mit den Keilsitzkissen ja in irgendeinem Gesundheitsmagazin gesehen oder gelesen und so mußte es auch schließlich sein. Der Einsatz von Keilsitzkissen ist an sich auch gerechtfertigt, wenn man auf starren Stühlen vom Discounter sitzen muß, aber nicht bei Stühlen die allen ergonomischen Anforderungen entsprechen. Dies den Damen aber zu vermittteln war bislang unmöglich. Und auch meine Vermutung, daß in diesem Gesundheitsmagazin von besagten starren Billig-Büromöbeln ausgegangen worden war, konnte die Damen nicht von diesem Virus befreien.

Schuh- und Taschenticks bei aller Liebe, aber was verleitet die Damenwelt zu einem solchen Stumpfsinn und einer solchen Starrsinnigkeit? Kurz gesagt: Ich weiß es nicht! Vielleicht liegt es an der Midlife Crisis, auf die man ja eigentlich eh alles schieben kann, wenn einem nichts anderes einfällt. Oder sind es mangelnde Lebensinhalte? Vielleicht ist es aber auch nur die Leichtgläubigkeit mit der man alles, was man im Fernsehen vorgesetzt bekommt, für bare Münze nimmt und es sich dabei erspart, einen Schritt weiter als notwendig zu denken.

Ich frage mich, ob solche Damen ihr Zuhause ebenfalls mit Keilsitzkissen auf den Büro- und Küchenstühlen und vielleicht sogar auf der Couch verunstalten. Aber wahrscheinlich nicht, denn davon wird in Gesundheitsmagazinen ja nicht geredet. Man soll lediglich darauf achten, daß man im Büro gesund sitzt - von zu Hause war dort bestimmt nie die Rede.

Herzlichst, Ihr Patrick Michael Weber

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